Spermidin und Longevity

Was die Forschung wirklich zeigt: Autophagie, die DACH-Forschungsgeschichte, die SmartAge-Studie und die Grenzen der Evidenz

Aktualisiert am · 10 Min. Lesezeit

Diese Inhalte dienen ausschließlich Bildungszwecken und stellen keine medizinische Beratung dar. Konsultiere immer einen qualifizierten Arzt, bevor du Änderungen an deiner Ernährung, deinem Trainingsprogramm oder deiner Nahrungsergänzung vornimmst.

Was ist Spermidin?

Spermidin ist ein kleines Molekül aus der Gruppe der Polyamine. Dein Körper stellt es selbst her, deine Darmbakterien produzieren einen Teil davon, und du nimmst es zusätzlich über die Nahrung auf. Antonie van Leeuwenhoek isolierte es 1678 erstmals aus menschlichem Samen, daher der Name. Für die Longevity-Frage zählt die Biologie, nicht die Etymologie.

Der Hauptmechanismus, wegen dem Longevity-Forscher Spermidin interessant finden, ist die Autophagie: das zelluläre Recycling-System. Autophagie zerlegt beschädigte Proteine und kaputte Zellorganellen und verwendet die Bausteine wieder. Mit dem Alter wird Autophagie langsamer. Beschädigte Proteine sammeln sich an. Zellen funktionieren schlechter. Fast alle Interventionen, die in Tierstudien die Lebensspanne verlängern, von Kalorienrestriktion über Rapamycin bis Sport, kurbeln Autophagie an. Spermidin tut dasselbe.

Die viel zitierte Arbeit von Tobias Eisenberg, Frank Madeo und Kollegen (Nature Medicine, 2016) zeigte, dass Spermidin im Trinkwasser die mittlere Lebensspanne von Mäusen verlängert und die Herzfunktion alter Tiere verbessert. Der Effekt hing an der Autophagie: wenn man Autophagie blockierte, verschwand der Lebensspanneneffekt. Dieselbe Arbeit berichtete parallel an Menschen: in 829 Teilnehmenden der Bruneck-Kohorte hing eine höhere Spermidin-Aufnahme über die Nahrung mit niedrigerem Blutdruck, niedrigerer Inzidenz von Herz-Kreislauf-Erkrankungen (ein Komposit, das vaskulären Tod einschloss) und einem rund 40 % geringeren Risiko für tödliches Herzversagen zusammen. Den Zusammenhang mit der Gesamtmortalität zeigte erst Kiechl 2018 mit verlängerter Nachbeobachtung und Validierung in einer zweiten Kohorte.

Eine neuere mechanistische Arbeit derselben Grazer Gruppe (Hofer et al., Nature Cell Biology, 2024) zeigte: Fasten erhöht den zellulären Spermidin-Spiegel über mehrere Spezies hinweg (Hefe, Fliegen, Mäuse und menschliche Proband:innen), und die Lebens- und Gesundheitsspannen-Effekte des Fastens in vivo gehen verloren, wenn der Polyamin-Pfad blockiert wird. Spermidin gilt damit als eines der Moleküle, die die Wirkung der Kalorienrestriktion vermitteln.

Wichtige Einordnung: das meiste davon ist Tier- und Zellbiologie. Die Maus-Daten sind robust. Ob das sauber auf Menschen übertragbar ist, ist eine eigene Frage, und die Humandaten sind, wie wir gleich sehen, gemischter.

Die DACH-Forschungsgeschichte: warum das ein österreichisch-deutsches Feld ist

Spermidin ist eines der wenigen Longevity-Themen, bei denen das wissenschaftliche Schwergewicht im deutschsprachigen Raum sitzt. Die Grundlagenarbeiten kommen weitgehend aus dem Labor von Frank Madeo an der Universität Graz in Österreich, in Zusammenarbeit mit der Karl-Franzens-Universität und BioTechMed-Graz. Die Nature-Medicine-Arbeit 2016, das Science-Review 2018, das SmartAge-Studienprotokoll mit der Charité Berlin und die Nature-Cell-Biology-Arbeit 2024 zum Fasten laufen alle über dieses Netzwerk.

Das hat zwei praktische Konsequenzen. Erstens ist die Bruneck-Kohorte, die diätetisches Spermidin mit niedrigerer Sterblichkeit verknüpft hat, südtirolerisch, also aus dem deutschsprachigen Norditalien. Zweitens ist das einzige Spermidin-Präparat mit EU-Novel-Food-Zulassung als Weizenkeimextrakt von Longevity Labs+, einem Spin-off aus Graz. Vertrieben wird es unter der Marke spermidineLIFE.

Das heißt nicht, dass die Wissenschaft abgeschlossen ist, und auch nicht, dass das österreichische Produkt automatisch die beste Wahl ist. Es heißt: wenn du eine aktuelle peer-reviewte Spermidin-Arbeit liest, steht Frank Madeo mit rund 60 % Wahrscheinlichkeit in der Autor:innenliste. Zu wissen, woher die Forschung kommt, hilft dir, sie ehrlicher zu lesen. Die Madeo-Gruppe legt Förderverbindungen offen, mehrere Humanstudien wurden teilweise von Longevity Labs unterstützt. Das ist eine normale Industriekooperation, kein Skandal, aber Kontext, den du kennen solltest.

Die Fachhochschule Wiener Neustadt (Gruppe Pekar) und die Charité Berlin / DZNE Berlin (Wirth, Schwarz, Flöel) sind die beiden anderen DACH-Zentren, die Spermidin-Humanstudien durchgeführt haben. Gemeinsam mit Graz decken sie den Großteil der klinischen Evidenz ab.

Was sagt die Humanforschung?

Es gibt zwei Stränge an Humanevidenz. Sie erzählen leicht unterschiedliche Geschichten.

Beobachtungskohorten

Die Bruneck-Studie (Kiechl et al., American Journal of Clinical Nutrition, 2018) begleitete 829 Erwachsene zwischen 45 und 84 Jahren im südtirolerischen Bruneck von 1995 bis 2015 (20 Jahre), geschätzte Spermidinaufnahme aus Ernährungsfragebögen. Höhere Aufnahme (oberes vs. unteres Drittel) war mit einer rund 15 bis 25 % niedrigeren Gesamtsterblichkeit verknüpft, auch nach Korrektur für Alter, Rauchen, BMI, Kalorienaufnahme, Bewegung und andere Variablen. Dieselbe Arbeit validierte den Befund in einer zweiten Kohorte aus dem Salzburger Raum.

Das ist real und beeindruckend. Es bleibt aber Beobachtung. Menschen mit viel Spermidin im Essen essen meist viel Vollkorn, Hülsenfrüchte und fermentierten Käse, also mediterran. Ob das Spermidin selbst wirkt oder ob es nur ein Marker für das Ernährungsmuster ist, kann die Kohorte nicht beantworten.

Randomisierte Studien

Die bisher größte randomisierte Studie ist SmartAge (Schwarz et al., JAMA Network Open, 2022). Einhundert ältere Erwachsene mit subjektiver kognitiver Beeinträchtigung wurden 12 Monate lang auf spermidinreichen Weizenkeimextrakt (rund 0,9 mg Spermidin pro Tag) oder Placebo randomisiert. Primärer Endpunkt war die Gedächtnisleistung in einer Mnemonic-Similarity-Aufgabe. Die Studie war negativ. Kein messbarer Nutzen für das Gedächtnis, keine Veränderung der Blutbiomarker, keine Effekte im MRT, keine Wirkung auf die meisten Sekundärendpunkte.

Ein kleinerer Pilotversuch davor (Wirth et al., Cortex, 2018) war an 30 Teilnehmenden über 3 Monate leicht positiv (mittlerer Effekt auf mnemonische Diskrimination). Die größere und längere SmartAge-Studie hat das nicht reproduziert. So funktioniert Wissenschaft: kleiner positiver Pilot, größere Studie, schauen, ob es Bestand hat. Hier hatte es keinen.

Ein Gegensignal

Die Pekar-Gruppe (Pekar et al., Wiener Klinische Wochenschrift, 2020) führte eine 3-monatige doppelblinde multizentrische Pilotstudie mit 85 älteren Menschen zwischen 60 und 96 Jahren mit leichter bis mittelschwerer Demenz in sechs steirischen Pflegeheimen durch. Die höher dosierte Gruppe (rund 3,3 mg Spermidin pro Tag) zeigte eine leichte kognitive Verbesserung — insbesondere ein Plus von 2,23 Punkten im MMSE in der Subgruppe mit leichter Demenz (p = 0,026), während die meisten Sekundärendpunkte nicht signifikant waren — gegenüber der niedriger dosierten Gruppe. Es gab keinen klassischen Placebo-Arm (beide Arme bekamen Spermidin, nur unterschiedlich dosiert), die Stichprobe war klein, und die Population unterscheidet sich von SmartAge (manifeste Demenz vs. subjektive Beeinträchtigung). Das hebt SmartAge nicht auf, ist aber ein Grund, warum das Feld kognitiv noch nicht zugeklappt ist.

Ehrliche Einordnung. Für Kognition bei gesunden älteren Risikopersonen ist die qualitativ beste Studie negativ. Für Herz-Kreislauf-Sterblichkeit ist das Beobachtungssignal konsistent. Der Mechanismus (Autophagie) ist plausibel. Keiner dieser Punkte ist ein Grund, Spermidin sicher zu nehmen oder sicher zu meiden. Es ist die echte Beweislage 2026.

Spermidin im Essen: woher es eigentlich kommt

Lange bevor jemand eine Spermidin-Kapsel hergestellt hat, haben Menschen jeden Tag Spermidin gegessen. Die umfassendste peer-reviewte Lebensmitteldatenbank ist Muñoz-Esparza et al., Frontiers in Nutrition, 2019. Die folgenden Zahlen sind aus dieser Arbeit umgerechnet (mit einigen Werten aus der weiteren Literatur). Sie schwanken stark je nach Sorte, Reife, Verarbeitung und Lagerung. Verstehe sie als Größenordnungen.

Lebensmittel Spermidin ungefähr Hinweise
Weizenkeime (roh oder geröstet) ~25-35 mg/100 g Die mit Abstand reichste gängige Quelle
Sojabohnen (getrocknet) ~15-20 mg/100 g Plus Tofu, Natto, Tempeh
Gereifter Käse (Cheddar, Parmesan, Bergkäse, Blauschimmel) ~1-2 mg/100 g Junger Käse deutlich weniger
Pilze ~3-9 mg/100 g Höher bei Shiitake und Austernpilzen
Grüne Erbsen ~5-7 mg/100 g Frisch; Konserve etwas weniger
Weiße Bohnen, Navy Beans ~5-12 mg/100 g Aus getrockneter Form gekocht
Brokkoli, Blumenkohl ~2-3 mg/100 g
Birnen, Äpfel ~0,5-1 mg/100 g
Vollkornbrot ~0,5-1 mg/100 g

Eine vernünftige gemischte mitteleuropäische Ernährung liefert irgendwo zwischen 5 und 15 mg Spermidin pro Tag. Das oberste Drittel der Bruneck-Kohorte lag bei rund 12 mg täglich. Mediterran essen, mit Vollkorn, Hülsenfrüchten, Gemüse und etwas gereiftem Käse, bringt dich ohne Anstrengung dorthin.

Wenn du die höchste Dichte aus echtem Essen willst, ist die Antwort Weizenkeime. Ein Esslöffel (rund 7 g) gerösteter Weizenkeime liefert ungefähr 2 mg Spermidin, also in derselben Größenordnung wie eine typische Supplement-Kapsel. Kostet ein paar Euro pro Kilo in jedem DACH-Supermarkt und funktioniert in Joghurt, Müsli, Smoothies oder im Brotteig.

Darmbakterien produzieren ebenfalls Spermidin. Ein nicht trivialer Teil deines körpereigenen Spermidins kam nie aus dem Essen. Das ist auch ein Grund, warum die Dosis-Wirkungs-Kurve aus Supplements allein unscharf bleibt: du addierst zu einem Hintergrund, der zwischen Menschen stark schwankt.

Supplements im Handel: was bewiesen ist und was nur verkauft wird

Dieser Abschnitt ist bewusst herstellerneutral. Du bist erwachsen und kannst einkaufen. Unsere Aufgabe ist, dir die Rechtslage und die Evidenz nüchtern zu erklären.

EU-Novel-Food-Status. In der EU gilt ein Lebensmittelinhaltsstoff, der vor 1997 nicht in nennenswertem Umfang verzehrt wurde, als Novel Food unter Verordnung (EU) 2015/2283 und braucht eine ausdrückliche Zulassung. Spermidinreicher Weizenkeimextrakt aus Triticum aestivum, wie ihn Longevity Labs+ (Graz, Österreich) entwickelt hat, ist die eine Spermidin-Zutat mit EU-Zulassung. Die Europäische Kommission hat ihn über die Durchführungsverordnung (EU) 2017/2470 zugelassen; die Spezifikationen wurden durch Durchführungsverordnung (EU) 2020/443 der Kommission vom 25. März 2020 angepasst, nachdem die EFSA ihn als Novel Food bewertet hatte. Die Zulassung legt Höchstmengen pro Tag für die Verwendung in Nahrungsergänzungsmitteln für Erwachsene fest. Etiketten in DE, AT und CH müssen sich an diese Spezifikationen halten.

Was das praktisch bedeutet. Ein Spermidin-Präparat, das in Deutschland, Österreich oder der Schweiz legal verkauft wird, nutzt entweder (a) den zugelassenen Longevity-Labs+-Weizenkeimextrakt, (b) einen anderen Weizenkeimextrakt, der ebenfalls mit der Novel-Food-Zulassung kompatibel ist (das ist erlaubt), oder (c) liegt in einer rechtlichen Grauzone, manchmal als grenzüberschreitendes Produkt oder als 'Weizenkeim'-Produkt, das den Spermidin-Gehalt nicht explizit bewirbt. Rein synthetisches Spermidin ist in der EU kein zugelassenes Nahrungsergänzungsmittel.

Welche Konzentrationen sind tatsächlich belegt? Der Wirth-2018-Pilot nutzte rund 1,2 mg/Tag. SmartAge gab 12 Monate lang rund 0,9 mg/Tag. Die Pekar-2020-Studie aus der Steiermark nutzte 1,9 bis 3,3 mg/Tag über 3 Monate. Die Bruneck-Tertile lagen bei rund 6 bis 12 mg/Tag, alles aus Lebensmitteln. Die meisten zugelassenen Präparate liefern pro Portion etwas zwischen 1 und 3 mg/Tag, also innerhalb des untersuchten Bandes, aber eher am unteren Ende des Kohortensignals.

Zum Preis. Eine Monatspackung eines EU-zugelassenen Spermidin-Weizenkeim-Präparats kostet in DACH typischerweise 30 bis 70 €, mit Schwankungen je nach Land (CH meist am teuersten, AT oft günstiger wegen Nähe zum Hersteller). Eine Packung Weizenkeime im gleichen Supermarkt kostet rund 3 bis 5 € und reicht bei einem Esslöffel pro Tag einen Monat lang. Das Supplement gibt dir eine standardisierte Dosis. Die Weizenkeime liefern die Dosis plus Ballaststoffe, Magnesium, Vitamin E, B-Vitamine und Zink. Keiner der beiden Wege ist falsch. Es sind verschiedene Produkte.

Was wir dir nicht sagen können. Ob Marke A besser ist als Marke B. Ob ein höherdosiertes nicht zugelassenes Importprodukt sicherer oder wirksamer ist als das EU-zugelassene (sicherer ist es im Allgemeinen nicht, nur weniger reguliert). Ob das Timing zählt. Ob Spermidin in Kombination mit Fasten besser wirkt (mechanistisch plausibel nach Hofer 2024, in keiner Humanstudie getestet). Das sind offene Fragen. Nutze diesen Ratgeber, um beim Hausarzt, Wahlarzt oder Privatarzt bessere Fragen zu stellen, besonders bei chronischen Erkrankungen oder regelmäßiger Medikation.

Sicherheit, Grenzen und was wir noch nicht wissen

Kurze Antwort. Spermidin ist Teil jeder normalen menschlichen Ernährung. Bei den Dosen, die EU-zugelassene Präparate liefern (rund 1 bis 6 mg/Tag), ist die bisherige Sicherheitsbilanz beruhigend, aber begrenzt.

Die Schwarz-2018-Arbeit in Aging fasste Tier- und Humandaten zusammen und berichtete keine klinisch relevanten Auffälligkeiten für spermidinreichen Weizenkeimextrakt über 3 Monate bei älteren Erwachsenen. Die 12-monatige SmartAge-Studie (Schwarz 2022) berichtete ebenfalls keine schwerwiegenden Nebenwirkungen, die der Intervention zuzuschreiben wären. Die EU-Novel-Food-Zulassung legt Höchstmengen für die tägliche Aufnahme bei Erwachsenen fest und schließt bestimmte Personengruppen von der zugelassenen Verwendung aus.

Wo Vorsicht angebracht ist

  • Schwangerschaft und Stillzeit. Die EU-Novel-Food-Zulassung für spermidinreichen Weizenkeimextrakt schließt Schwangere und Stillende aus. Nicht weil Schaden gezeigt wurde, sondern weil die Sicherheit für diese Gruppe nicht etabliert ist. Wenn du schwanger bist oder stillst: nur Lebensmittel.
  • Kinder. Gleiche Logik. Die Zulassung deckt keine Kinder ab. Spermidin aus Essen ist unproblematisch; konzentrierte Präparate sind nicht angezeigt.
  • Aktive oder kürzlich behandelte Krebserkrankung. Die schwierigste Frage im Feld. Spermidin treibt Autophagie an, die je nach Tumortyp und -stadium schützend oder wachstumsfördernd wirken kann. Die Schwarz-2018-Arbeit weist darauf hin, dass lebenslang diätetisch verabreichtes Spermidin in Mäusen die Tumorhäufigkeit nicht erhöhte und in einigen chemisch induzierten Lebertumormodellen schützend wirkte. Aber die Humandaten bei aktiv erkrankten Krebspatient:innen sind praktisch null, und die Madeo-Gruppe selbst warnt, dass polyamingetriebene Autophagie gewisse etablierte Tumoren im Prinzip unterstützen könnte. Bei aktiver oder kürzlich behandelter Krebserkrankung kein Spermidin-Supplement ohne onkologische Rücksprache starten.
  • Weizenkeim-Herkunft. Spermidin-Präparate aus Weizenkeimen enthalten Gluten, auch wenn nur in Spuren. Bei Zöliakie oder Nicht-Zöliakie-Glutensensitivität entweder zertifiziert glutenfreies Produkt wählen oder ganz weglassen.
  • Medikamenten-Wechselwirkungen. Bei den studierten Lebensmittel-Supplement-Dosen sind keine größeren direkten pharmakokinetischen Interaktionen dokumentiert. Das heißt nicht 'keine Interaktion existiert'. Wenn du Immunsuppressiva, Krebsmedikamente oder starke Autophagie-Modulatoren (Rapamycin, hoch dosiertes Metformin, Hydroxychloroquin) einnimmst: vor dem Start mit Hausärztin oder Wahlärztin sprechen.

Was wir noch nicht wissen

  • Ob jahrzehntelange Supplementierung sicher ist. Die längste Humanstudie läuft 12 Monate.
  • Ob Spermidin bei Menschen, die noch keine Symptome haben, Demenz verhindert (SmartAge rekrutierte subjektiv beeinträchtigte Personen, keine gesunden Erwachsenen).
  • Ob das Herz-Kreislauf-Kohortensignal in einer randomisierten Präventionsstudie hält.
  • Ob Spermidin in Kombination mit Fasten, Sport oder Rapamycin beim Menschen einen Zusatznutzen bringt.

Für gesundheitliche Entscheidungen auf Basis dieses Ratgebers sprich mit deinem Hausarzt (Deutschland), deinem Wahlarzt oder Privatarzt (Österreich) oder deinem Hausarzt bzw. Spezialisten (Schweiz). Dieser Ratgeber ist Bildung, kein Rezept.

Häufig gestellte Fragen

Wie viel Spermidin pro Tag?

Es gibt keine offizielle Tagesempfehlung. Die Bruneck-Kohorte verknüpfte rund 12 mg/Tag aus der Nahrung mit der niedrigsten Sterblichkeit. EU-zugelassene Präparate liefern je nach Produkt rund 1 bis 6 mg/Tag. Eine mediterrane Ernährung mit Vollkorn, Hülsenfrüchten und etwas gereiftem Käse liefert typischerweise 5 bis 15 mg/Tag, ohne dass du es planst. Ein Esslöffel Weizenkeime addiert etwa 2 mg. Wir geben dir keine 'sollte'-Zahl. Das Gespräch gehört zum Hausarzt oder Wahlarzt, besonders bei chronischen Erkrankungen.

Spermidin und Krebs: gut oder schlecht?

Kommt darauf an, und die Humandaten sind dünn. Mausstudien zeigen: lebenslang diätetisch verabreichtes Spermidin erhöht die Tumorhäufigkeit bei gesunden Tieren nicht und ist in einigen Lebertumor-Modellen schützend. Aber Polyamine und Autophagie können auch bereits etablierte Tumoren im Labor unterstützen. Übersetzung: bei Gesunden sehen Lebensmittelmengen und moderate Supplement-Mengen sicher aus. Bei aktiver oder kürzlich behandelter Krebserkrankung kein Supplement ohne ausdrückliche onkologische Rücksprache starten.

Spermidin oder NMN: was ist besser für Longevity?

Sie wirken über verschiedene Mechanismen. NMN hebt NAD+ an, das DNA-Reparatur und mitochondriale Funktion unterstützt. Spermidin treibt Autophagie, das zelluläre Recycling. Die Humanevidenz für NMN ist überwiegend kurz und auf Surrogatmarker bezogen; die EU-Rechtslage zu NMN ist außerdem ungeklärt (siehe unser [NMN-Guide](./nmn-deutschland)). Die Humanevidenz zu Spermidin ist gemischt: die beste RCT (SmartAge) war negativ für Kognition; das Kohortensignal für Herz-Kreislauf-Sterblichkeit ist konsistent. Keiner ist beim Menschen ein bewiesener Lebensverlängerer. Lebensmittelquellen zuerst.

Ist Spermidin in Deutschland, Österreich und der Schweiz legal?

Ja, als EU-zugelassenes Novel Food, wenn es als spermidinreicher Weizenkeimextrakt aus Triticum aestivum innerhalb der spezifizierten Höchstmengen verkauft wird. Das österreichische Unternehmen Longevity Labs+ hält die ursprüngliche Zulassung. Viele DACH-Händler verkaufen konforme Produkte. Reines synthetisches Spermidin ist in der EU kein zugelassenes Nahrungsergänzungsmittel. Die Schweiz ist nicht in der EU, ihr Lebensmittelrecht spiegelt EU-Regeln aber eng, und derselbe zugelassene Extrakt wird dort verkauft.

Warum war die SmartAge-Studie negativ?

Mehrere plausible Gründe. Die Dosis (rund 0,9 mg/Tag) könnte zu niedrig gewesen sein. Die Population (subjektive Beeinträchtigung, objektiv noch nicht beeinträchtigt) könnte zu gesund gewesen sein, um einen Effekt zu zeigen. Zwölf Monate könnten zu kurz sein. Oder der kognitive Nutzen im kleinen Pilot war ein Falschpositiv. SmartAge ist die qualitativ beste Kognitions-RCT, die wir haben, und sie fand keinen Nutzen. Das ist ein bedeutsames Ergebnis, kein Nebenpunkt. Es schließt einen Herz-Kreislauf-Nutzen nicht aus, dafür liefert eine andere Studienart die Evidenz.

Kann ich einfach Weizenkeime essen statt ein Supplement zu kaufen?

Ja. Mehrere Autor:innen der Grundlagen-Spermidin-Arbeiten sagen das auch öffentlich. Ein Esslöffel Weizenkeime (rund 7 g) liefert ungefähr 2 mg Spermidin, plus Ballaststoffe, Magnesium, Vitamin E und B-Vitamine. Kostet ein paar Euro pro Kilo im DACH-Supermarkt. Gereifter Käse, Sojabohnen, Pilze, grüne Erbsen und weiße Bohnen tragen ebenfalls deutlich bei. Das Supplement gibt dir eine standardisierte Dosis; Essen gibt dir das Spermidin plus den Rest der Matrix. Beide Wege sind vertretbar.

Erhöht Fasten meinen eigenen Spermidin-Spiegel?

Ja, in Tierstudien. Die Hofer-Arbeit 2024 in Nature Cell Biology zeigte: Fasten erhöht zelluläres Spermidin in Würmern, Fliegen und Mäusen, und der Lebensspannen-Effekt des Fastens hängt von diesem Anstieg ab. Ob das beim Menschen genauso ist, und ob ein Spermidin-Supplement zum Fasten dazu zusätzlichen Nutzen bringt, wurde noch nicht in einer publizierten Humanstudie getestet. Der Mechanismus ist plausibel; die Humanevidenz steht noch aus.

Quellen

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  3. Kiechl S, Pechlaner R, Willeit P, Notdurfter M, Paulweber B, Willeit K, et al.. (2018). Higher spermidine intake is linked to lower mortality: a prospective population-based study. *American Journal of Clinical Nutrition*doi:10.1093/ajcn/nqy102
  4. Wirth M, Benson G, Schwarz C, Köbe T, Grittner U, Schmitz D, et al.. (2018). The effect of spermidine on memory performance in older adults at risk for dementia: a randomized controlled trial. *Cortex*doi:10.1016/j.cortex.2018.09.014
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  6. Pekar T, Bruckner K, Pauschenwein-Frantsich S, Gschaider A, Wantke F, Jarisch R. (2020). The positive effect of spermidine in older adults suffering from dementia: First results of a 3-month trial. *Wiener Klinische Wochenschrift*doi:10.1007/s00508-020-01758-y
  7. Schwarz C, Benson GS, Horn N, Wurdack K, Grittner U, Schilling R, et al.. (2022). Effects of Spermidine Supplementation on Cognition and Biomarkers in Older Adults With Subjective Cognitive Decline: A Randomized Clinical Trial (SmartAge). *JAMA Network Open*doi:10.1001/jamanetworkopen.2022.13875
  8. Muñoz-Esparza NC, Latorre-Moratalla ML, Comas-Basté O, Toro-Funes N, Veciana-Nogués MT, Vidal-Carou MC. (2019). Polyamines in Food. *Frontiers in Nutrition*doi:10.3389/fnut.2019.00108
  9. Hofer SJ, Daskalaki I, Bergmann M, Friščić J, Zimmermann A, Mueller MI, et al.. (2024). Spermidine is essential for fasting-mediated autophagy and longevity. *Nature Cell Biology*doi:10.1038/s41556-024-01468-x

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